von: Rolf Heßbrügge

Kanute mit Kindern "Sommer mit Pfefferminz-Geruch, Sommer mit Himbeerfarbe, mit grünen Wäldern, und mit Eisvögeln …" Diese Zeilen entstammen nicht etwa dem Prospekt eines Reiseveranstalters, sondern einer alten polnischen Volksweise. Ein Hauch von Lagerfeuer-Romantik umgibt die Szenerie am Pommerschen Fluss Drawa, irgendwo in Nordwest-Polen zwischen den Städtchen Czaplinek und Krzyz. Der graumelierte Barde, der mit seiner Bass-Stimme knapp 30 Zuhörer in seinen Bann zieht, ist Tomasz Gutowski, den hier alle nur "Tomek" nennen. Gutkowski ist 1. Vorsitzender der "Deutsch-Polnischen Alternative", einem Verein, der Jahr für Jahr Kanu-Reisen durch diesen malerischen Teil Polens organisiert.

Eigentlich unterscheidet sich die buntgemischte Gruppe nicht von anderen Kanu-Touristen. Es sind Kinder darunter, Jugendliche und Erwachsene; sie tragen T-Shirts, Shorts und Turnschuhe, und ihre braungebrannten Waden sind übersät mit Mückenstichen. Und dennoch: Diese Gruppe aus Gelsenkirchen und Umgebung hat sich etwas ganz Besonderes vorgenommen: einen Beitrag zu leisten zur Verständigung zwischen Polen und Deutschen. "Wir wollen den Menschen in Polen zeigen, dass nicht alle Deutschen, die in ihr Land kommen, dicke Mercedes-Limousinen fahren und Grundstück-Spekulanten sind", erklärt Gutkowski das Ziel seiner Initiative. "Auf der anderen Seite sollen die Deutschen erfahren, dass die Polen nicht so sind, wie sie in der Harald-Schmidt-Show gezeichnet werden, nämlich als Diebe und Betrüger."

Gutkowski, gebürtiger Pole, lebt seit 18 Jahren in Deutschland und kennt die gängigen Vorurteile nur zu gut. Doch beim Abbau von Ressentiments setzen er und sein Mitstreiter, der Gelsenkirchener Musik-Pädagoge Ingo Wrobinger, keineswegs auf den erhobenen Zeigefinger: "Wir predigen nicht die Völkerverständigung, wir erleben sie. Wir lassen den Leuten, die mit uns nach Polen reisen, ganz bewusst die Freiheit, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Land, der Kultur und vor allem mit den dort lebenden Leuten zu sammeln."

Wie sehenswert die Landschaft Nordwest-Polens ist, erfahren die Reisenden während ihrer Tagestouren in den Kanus und Kajaks. Die Route auf der Drawa führt durch satt-grüne Auen, durch dichte Wälder und vorbei an romantischen kleinen Lichtungen. Fauna und Flora bieten Seeadler, Fischotter, Eisvögel, Biber und Störche, Seerosen und Schilflandschaften. "Diese Gegend" erklärt Gutkowski, "hat industriell nie eine erhebliche Rolle gespielt. Deshalb ist die Natur hier so unberührt und reich." So reich, dass man im kristallklaren Wasser der Drawa unzählige Fisch-Arten und Flusskrebse beobachten kann.

Auch die Polen haben die touristische Attraktivität dieser Region längst erkannt. Deshalb ist die Gruppe aus Gelsenkirchen nicht die einzige, die flussabwärts Richtung Süden paddelt. Doch nicht immer verliefen Begegnungen zwischen der deutschen Gruppe und polnischen Touristen wie gewünscht. Im Sommer 1997 fand eine polnische Reisegruppe eine achtlos weggeworfene Konservendose mit deutscher Beschriftung auf einer Lichtung – und prompt wurde die Gruppe um Gutkowski verdächtigt. Die Folge: Gängige Beschimpfungen schlugen den Reisenden aus dem Ruhrgebiet entgegen, ehe das Missverständnis aufgeklärt werden konnte. Gutkowski: "Da fiel bei uns der Groschen und wir gründeten die Deutsch-Polnische Alternative in Vereinsform, um einen Beitrag zum gegenseitigen Miteinander zu leisten und auf beiden Seiten die Sensibilität für die Probleme und die Kultur des jeweils anderen Volkes zu wecken."

Seither betreiben Gutkowski und ein gutes Dutzend weiterer Vereins-Mitglieder Völkerverständigung als eingetragener Verein. Zu den Aktivitäten der DPA98, so die Abkürzung der Organisation, zählen nicht nur Reisen nach Polen, sondern auch deutsch-polnische Konzerte und Sportveranstaltungen sowie das Sammeln und Transportieren von Hilfsgütern in das östliche Nachbarland. "Dabei geht es uns nicht darum, als der große reiche Nachbar aufzutreten, sondern wir verstehen unsere Hilfsleistungen als Geste. Die Polen sollen sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, dass sie sich auf die Hilfe ihrer Nachbarn verlassen können."

Auch das Abfall-Problem entlang der Drawa hat die Deutsch-Polnische Alternative erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet. In Zusammenarbeit mit der am Fluss gelegenen Gemeinde Zlocieniec entwickelte man ein Konzept zur Müllbeseitigung, das ab Sommer dieses Jahres realisiert und zum Teil durch finanzielle Spenden der DPA98 unterstützt wird. Selbst das polnische Fernsehen hat inzwischen über Gutkowskis Initiative berichtet, und für den kommenden Sommer haben sich deutsche Journalisten angekündigt, die die Gruppe begleiten wollen. "Die Resonanz wird immer größer", strahlt Gutkowski mit der polnischen Sonne um die Wette. "in diesem Jahr kann es sogar gut sein, dass sich doppelt so viele Reise-Interessenten finden wie im vergangenen Jahr."

Einer, der auf jeden Fall wieder dabei sein will, ist Konrad Gutkowski, der 16jährige Sohn des Initiators. "Bei diesen Touren kann man eine Menge erleben und viel über Land und Leute lernen", sagt er, während er in Erinnerungen an das Vorjahr schwelgt. Die von den Initiatoren herbeigesehnten Begegnungen mit polnischen Jugendlichen finden dabei automatisch statt, allerdings zwanglos. Tomasz Gutkowski: "Die deutschen und polnischen Kanu-Gruppen spielen abends Fußball miteinander, oder man lädt sich gegenseitig ein und singt am Lagerfeuer Lieder."

Eines dieser Lieder berichtet vom "Sommer mit Pfefferminz-Geruch" und erzählt die Geschichte einer Flussfahrt auf der Drawa …   back | home

Informationen:

Deutsch-Polnische Alternative 1998 e.V.

Gelsenkirchen-Buer

E-Mail: DPA98

Spendenkonto:

Volksbank Gelsenkirchen-Buer

BLZ: 422 600 01

Kto.Nr.: 121 722 800


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letztes Update: 31.08.04