Andreas Kossert

Masuren - Ostpreußens vergessener Süden

 

sonnenuntergangMasuren - Ostpreußens vergessener Süden? Warum sollte ausgerechnet der Landstrich Ostpreußens, der am häufigsten von Fremden besucht und ob seiner landschaftlichen Reize gepriesen wird, vergessen sein? Und doch ist Masuren vergessen, seine Geschichte und die ehemaligen Bewohner dieser Grenzregion, die einst wie kaum eine andere Bindeglied zwischen polnischer und deutscher Kultur war. Die Geschichte des Landes und die Geschichte wie das Schicksal der Menschen, die hier einst lebten, dem Vergessen zu entreißen, nach den Spuren einer untergegangenen Ethnie Ostmitteleuropas zu suchen, dazu will dieses Buch einladen.

Andreas Kossert : Masuren Ostpreußens vergessener Süden; Siedler Verlag, Berlin 2001; 432 S., 56,– DM, ISBN: 3886806960)

 

Zur Person:

Geb. 1970 in Han.-Münden. Studium der Mittleren und Neuen Geschichte, Slawistik und Politik in Freiburg, Edinburgh, Bonn und Berlin. 2000 Promotion an der FU Berlin. Seit März 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter am DHI Warschau.

Aufgabenbereich am Institut:

Redaktion der Publikationsreihe "Klio in Polen" (polnisch-deutsche Übersetzungsreihe des DHI Warschau).

Arbeitsgebiete:

Forschungsprojekt:

Europäische Migrationsgeschichte in der Frühen Neuzeit. Schotten und Engländer in Preußen und Polen (16.-18. Jahrhundert).

Wichtige Publikationen:

 

 

OSTPREUSSEN

Deutsch oder polnisch, das ist nicht die Frage

Andreas Kosserts grandiose Geschichte Masurens

Von Klaus Bednarz

 

Es gibt Bücher, bei deren Erscheinen man sich verwundert fragt, warum sie erst jetzt geschrieben wurden. Die Antwort ist simpel und vielsagend zugleich: Weil vorher die Zeit noch nicht reif war. Da musste erst ein junger Historiker kommen, der deutschen wie der polnischen Sprache mächtig, mit Zugang zu deutschen wie polnischen Archiven und Kenntnis nicht nur der wissenschaftlichen Quellen, sondern auch der literarischen Zeugnisse, die für sein Thema von Bedeutung sind, um die erste umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte Masurens vorzulegen. Es ist eine grandiose historische Arbeit, der es endlich gelingt, den unseligen Kreislauf permanenter Legitimationsforschung zu durchbrechen, als deren Endergebnis Masuren immer urdeutsch oder urpolnisch zu sein hatte. Ob urdeutsch oder urpolnisch, das ist für den nachgeborenen Masuren Andreas Kossert nicht die Frage. Er sieht seine Arbeit vielmehr – und zu Recht – „als postnationale Studie über eine Grenzbevölkerung, die zwischen zwei Nationalismen aufgerieben wurde“.

Masuren, das Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen, wie es in unzähligen Liedern und Gedichten besungen wird, ist der südliche, heute zu Polen gehörende Teil des ehemaligen Ostpreußen. Eine Region, an der nicht nur das Herz derer hängt, denen sie einst Heimat war, sondern die auch in zunehmendem Maß Faszination auf Touristen ausübt. Doch die Historie und Kultur dieses Landstrichs im Osten Europas sind weitgehend Terra incognita – und dort, wo man sich mit ihr beschäftigte, geschah dies zumeist als Versuch politischer Vereinnahmung. Menschen und Geschichte Masurens wurden entweder „germanisiert“ oder „polonisiert“, eine eigene masurische Identität wurde weder gewünscht noch von polnischer oder deutscher Seite akzeptiert.

Und genau an diesem Punkt setzt die Arbeit Kosserts an. Minutiös beschreibt er die Geschichte Masurens vom Mittelalter bis zur Gegenwart, von der heidnischen Zeit vor der Herrschaft des Deutschen Ordens bis zur Suche der heutigen jungen polnischen Generation in Masuren nach ihren historischen Wurzeln, ihrer regionalen Identität. Er versteht Masuren als Grenzregion, die wie kaum eine andere „Bindeglied“ zwischen polnischer und deutscher Kultur war, deren Menschen über Jahrhunderte mehrheitlich polnisch sprachen und sich dennoch stolz als Preußen (prusacy) empfanden. Er ruft längst vergessene historische Fakten ins Gedächtnis wie die Solidarität der Masuren mit den polnischen Freiheitsbewegungen im 19. Jahrhundert, die selbstverständliche Multikulturalität, die einen Mann wie den masurischen Dichter Ernst Wiechert stolz sein ließ auf seine polnischen und litauischen Wurzeln, und er erinnert auch an die Rolle der Juden in der Geschichte Masurens. Kirche, Wirtschaft, Sozialstruktur und wilhelminische Ostmarkenpolitik gehören ebenso zu seinen Themen wie masurische Traditionen, Mythen und Legenden. Emotionslos schildert er die Germanisierungspolitik des Deutschen Reiches seit 1870 wie auch die abenteuerlichen „piastischen“ Ansprüche Polens auf Masuren nach der Wiederherstellung des polnischen Staates im Jahr 1918. „Im nationalistischen Geschrei stand die polnische Seite der deutschen nichts nach.“

Breiten Raum nimmt die Geschichte Masurens im „Dritten Reich“ ein, die rassistische Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten gegenüber Polen und Juden in Ostpreußen, die Flucht und Vertreibung der Deutschen. Aber auch die Brutalität, mit der die polnischen Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg die „Repolonisierung“ Masurens betrieben, wird nicht verschwiegen, der „ethnische Rassismus“, mit dem die verbliebenen deutschen Masuren gezwungen werden sollten, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen. „Wer nicht für Polen optierte, erhielt keine staatliche Unterstützung und konnte bei Plünderungen nicht einmal auf den Schutz durch die Miliz hoffen. Mit physischem und psychischem Terror erzwang das Regime Unterschriften, aber loyale Polen hatte es aus den Masuren nicht machen können.“

Kulturelle Prägungen

Hart geht Kossert mit der Rolle ins Gericht, die deutsche Vertriebenenfunktionäre bei der Bewahrung des historischen und kulturellen Erbes Masurens in der Bundesrepublik gespielt haben. Dadurch, dass man Ostpreußen zum ethnisch rein deutschen Gebiet erklärt hatte, sei „unreflektiert das ideologische Gedankengut der NS-Zeit in die landsmannschaftliche Geschichte“ eingezogen. In der Tat: Noch 1998, in einer Festschrift zu ihrem 50-jährigen Bestehen, hatte die Landsmannschaft Ostpreußen festgestellt: „Mehrheitlich war das Gebiet mit Deutschen besiedelt. Sprache, Sitte, Recht und Lebensart waren deutsch.“ Als ob es die polnischsprachigen Masuren und Ermländer nicht gegeben hätte, nicht die litauischsprachigen Preußen, die Germanisierungspolitik des Deutschen Reiches und den NS-Terror gegen Juden und polnisch gesinnte Masuren. Wenn Kossert feststellt, dass die ethnisch polnische Bevölkerung im Süden Preußens „stets die dominierende Gruppe blieb“, über Jahrhunderte sprachlich und kulturell das Land geprägt hat und „die entscheidenden Impulse gab für das, was wir heute unter Masuren verstehen“, so wird dies vielleicht einen Sturm der Entrüstung unter den Ewiggestrigen auslösen. Doch die historischen Fakten sprechen für sich.

Das alte Masuren ist in der Geschichte versunken. Das Buch von Andreas Kossert ist geeignet, es dem Vergessen zu entreißen.

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letztes Update: 19.04.02